Ich bin immer noch unentschlossen, ob ich mich über den heutigen Tag freuen oder ärgern sollte. Den ganzen Januar über lagen die Temperaturen konstant um -2 bis -8 Grad in Berlin, seit Wochen türmen sich die Schneeberge und ausgerechnet heute setzt das Quecksilber mit -12 Grad noch eins drauf. Andererseits ist heute das erste Mal seit fast vier Wochen ein sonniger Tag. Letzte Woche ließ sich die Sonne für eine Viertelstunde über der Hauptstadt blicken, nach fast drei Wochen trüb-grauer Tristesse. Heute aber ein wolkenloser Himmel par excellence.
Ich sehe das mal positiv und freue mich über ein relaxtes Wochenende. Viel Zeit dafür bleibt mir ohnehin nicht mehr, denn die finale, wirklich letzte, Prüfungsphase beginnt Ende Februar. Dann hagelt es zuerst die üblichen Semesterklausuren und nur kurz danach folgen die Abiturprüfungen. So richtig hat mich die Panik ja noch nicht gepackt, zwar habe ich in meinen Leistungskursen schon grob ein bisschen in den Notizen der vergangenen Semester geschnüffelt, aber meine Lernphase werde ich definitiv in den Winterferien ansetzen und mich von dort an über alle möglichen Leistungs- bis hin zu den Grundkursen durcharbeiten. Schließlich haben das Abitur schon mehr Leute als meine Wenigkeit geschafft, sowieso ist das Berliner Abitur eine lasche Nummer. Damit trotzdem keine bösen Überraschungen auftreten, habe ich mein Abi schon einmal vorsorglich durchkalkuliert und werde mich bequem bei 1,8 wiederfinden. Mit ein wenig Anstrengung möglicherweise auch bei 1,7. Das ist bei weitem nicht die Spitzenklasse, keine E-Klasse, aber oberer Durchschnitt. Und, so wurde mir letztens weise mitgeteilt: “Average is a good thing!”.
Mit so viel Motivation schiebe ich dann schnellstmöglich mein soziales Jahr im Ausland hinterher. Trotz vielfältigster Gebrechen wurde ich immer noch als T2 eingestuft und selbst mein Heuschnupfen, meine Rückenschmerzen und meine Maulwurfs-Augen konnten den Musterungsarzt nicht überzeugen. Dennoch begreife ich den Zivildienst am besten als Chance und absolviere ihn voraussichtlich im Ausland. Schließlich habe ich noch keine längerfristige Auslandserfahrung und somit kann ich 11 Monate wenigstens sinnvoll nutzen.
Dennoch müssen die Bewerbungen an die Universitäten noch diesen Sommer raus und wirklich schlüssig, d. h. einen abschließenden Konsens, habe ich noch immer nicht gefunden. Wirtschaftsgeographie als Hauptfach wäre nett, wird so aber nicht möglich sein. Außerdem will ich mich auch nicht aus dem Mainstream schießen, also wird es wohl die gute alte Volkswirtschaftslehre in Kombination mit der Wirtschaftsgeografie werden. Das klingt zwar alles ganz nett und wird mir zweifelsohne eine aufregende Zukunft bescheren, aber so eine Wahl muss eben nicht nur gut geplant sein, sondern auch wirklich ehrlich sein.
In dem Punkt liegt mein Problem. Eine Karriere bei einer großen Unternehmens- bzw. Wirtschaftsprüfung verspricht einen aufregenden Job mit vielen unterschiedlichen Einsatzgebieten, 12-Stunden-Tagen und vergleichsweise wenig Freizeit, dafür aber ein dickes Gehalt und schicke Eigentumswohnungen in den hippen Stadtvierteln dieser Welt. Beim Job handelt es sich aber überwiegend um mathematische Berechnungen, trockene Stochastik und Statistik sowie abstrakten Begriffen wie Advisory und Assurance. Also Steuern, Gesetz und der dazugehörige Kram. Das klingt für mich nicht schlecht, ich bin ein großer Fan von Stochastik und noch mehr von Statistiken und Beratung – aber wenn ich diese Laufbahn wähle, muss ich mich voller Leidenschaft und Motivation dahinter stehen – ansonsten kann ich meine Karriere wieder an den Nagel hängen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Leider wird sich das erst konkret nach dem Studium zeigen – und da ich die fünf bis sieben Jahre gut investieren möchte, bin ich jetzt natürlich umso mehr verunsichert.
In der Tat arbeite ich nämlich durchaus gerne “praktisch”, d. h. eher auf logisch-verbaler Ebene anstatt mit abstrakter Mathematik. Ich bin ein Fan der alten Wirtschaftsgeographie, die noch verbal nach Kausalitäten und Dependenzen gesucht hat, die noch anschauliche Modelle und Theorien aufgestellt hat. In der Mathematik mit Geografie verbunden war. Natürlich existiert diese Teamarbeit heute immer noch in der Branche, doch wurde sie abgelöst von der Mathematik. Das Arbeitsfeld besteht zum Großteil aus Formeln, die von einigen schlauen Köpfen vorgerechnet werden und dann vom Personal durchexerziert werden. Gerade vor dieser Abstraktheit habe ich Angst – Mathe war einfach nie mein Lieblingsfach.
Dennoch halte ich zumindest das Studium von VWL und Wirtschaftsgeografie für eine gute Wahl. Inklusive Master und meiner jetzt bereits bestehenden guten Fremdsprachenkenntnisse in Englisch und Französisch sieht das nach einer sicheren, fundierten Grundlage aus. Gerade das ist mir unerklärlich wichtig. Ich kann es rational kaum nachvollziehen, warum ich so an einer gesicherten Existenz hänge und große Angst vor dem Abrutschen in die Armut habe. Meine Eltern zeigen mir immerhin, wie man es mit mittelmäßiger DDR-Bildung nach oben schaffen kann. Heute sind sie – meiner Meinung nach mit mehr Glück als wirklichem Können – bei zwei global playern angestellt, die es ihnen ermöglichten, ein komfortables Haus in einer der besten Berliner Wohnlagen im Osten zu errichten.
Gleichzeitig ist mir der Kontrast durchaus bewusst: Deutschlands größtes Plattenbaugebiet, Marzahn-Hellersdorf, eine Wand aus 20-stöckigen DDR-Standardbauten riegelt den Horizont massiv ab. Arbeitslosenquote über 20%, Armutsquote noch höher, Arche, tote Kinder und zerstörte Existenzen. Ich kann mir darüber eigentlich kaum eine Meinung bilden, trotzdem habe ich mit meinen Eltern zwölf Jahre in einem besseren Plattenbau der Gegend gewohnt. Zweite Etage, 85m² Wohnfläche – nicht unbedingt schlecht, aber aus heutiger Sicht bin ich froh, nicht mehr in dem Viertel wohnen zu müssen. Mittlerweile verabscheue ich es schon fast. Ich gehe dort immer noch zur Schule – und nun ja, die Menschen dort haben sich größtenteils aufgegeben oder sind mit ihren Lidl-Job zufrieden.
Dahin will ich nicht mehr zurück. Wer würde das schon wollen? Aber in einer zunehmend härter werdenden Welt – so suggerieren es zumindest die großen Medien dieses Landes – ist es nicht einfach, eine vernünftige Existenz aufzubauen. Ich strebe nach einer Karriere, ich stehe auch dazu. Mit solchen Gedanken wird man in Marzahn-Hellersdorf höchstens belächelt. Pessimismus regiert auch hier, wie fast überall in Deutschland.
Manchmal sollte man das Elend aber nicht zu nah an sich heran lassen. Ansonsten verliert man wahrscheinlich zu schnell das Ziel vor den Augen. Während mein Nachbar von gegenüber gerade in strahlendem Sonnenschein seinen Mercedes wäscht und poliert, den er sich hart mit der Arbeit in einer Anwaltskanzlei in der Berliner Innenstadt verdient hat, fege ich am besten unsere Terrasse vom Schnee frei und genieße ein wenig die Sonne aus dem Süden. Als kleiner Anspieltipp sei zu guter Letzt noch “I Made It” von Kevin Rudolf feat. Jay Sean, Lil Wayne und Birdman empfohlen. Die Single hat noch nicht mal ein Releasedatum, ist aber bereits seit letzter Woche im Netz erhältlich.

Nach einem guten Jahr Krise lässt sich nun Bilanz ziehen: Der Berliner Tourismus bleibt unerschütterlich. Nicht ohne Stolz posaunten schon die Berliner Flughäfen Mitte des Sommers, dass die Passagierzahlen bereits wieder ansteigen – während Frankfurt und München noch mit happigen Einbrüchen zu kämpfen haben. Gewissheit bringen nun sagenhafte 8,4%: So stark war das Wachstum der Gästezahlen im Juni.
Vor lauter Euphorie verkündeten Investoren auß aller Welt munter, dass sie ihre Projekte in der Hauptstadt vergrößern und im geplanten Zeitraum realisieren werden. Als gäbe es keine Krise, verkündete erst letzte Woche ein ranghoher Accor-Chef, er könne sich in Berlin 20 Etap-Hotels vorstellen.
Wäre ich nicht schon schwul, würde ich den Begriff metrosexuell wahrscheinlich in höchstem Maße ausfüllen. Isotret-Tabletten gegen Akne, Feuchtigkeitscremes und Roll-ons für die Augen stapeln sich in meinem Badezimmer. Bisher war ich fest davon überzeugt, der Welt mit einem strahlenden Hautbild zu begegnen. So sah die heile Welt noch gestern aus. Bis meine Schwester mir in wenig galantem Ton, die neueste Cosmopolitain-Ausgabe in der Hand haltend, mitteilte: “Honey, ich wusste gar nicht, dass Monster-Augenringe wieder im Trend liegen!”