Ich bin manchmal regelrecht geschockt, wie schnell sich das Leben doch ändern kann. Die ganz besonders aufmerksamen Leser sind in den letzten Monaten über die eigentlich immer gleiche Sülze aus Verunsicherung, Hormonschwankungen und “What the fuck”-Mentalität gestoßen, sodass man sich unweigerlich fragen muss, wo meine lockere Art hin ist.
Zwar gibt es keinen Grund zu übermäßigen Optimismus, aber die ersten zarten Sonnenstrahlen des Frühling kündigen sich auch in meiner Lebensplanung an. Trotz immer noch tonnenweise Schnee und Eis in der Hauptstadt haben dazu ganz maßgeblich die dieses Jahr sehr konstruktiven Winterferien beigetragen. Anstatt 7 Tage in den vertrauten Gefilden zu verbringen, machte ich mich auf zur Studieninformationswoche an der Berliner Humboldt-Universität. Gewiefte Leser wissen natürlich schon bei diesem Hinweis, in welcher Informationsveranstaltung ich zu erst saß: Die VWL- und BWL-Einführung hatte es mir angetan und so fand ich mich zum Wochenbeginn mit ca. 50 weiteren ebenso kaum wachen Interessierten um 8 Uhr am Morgen ein. Beklagen will ich mich indes über die Fakultät an sich nicht: Das Hauptgebäude liegt direkt am Hackeschen Markt, dem mittlerweile fest etablierten Trend- und Fashionviertel der Stadt. In einem der letzten preußischen Prunkbauten in diesem Viertel glänzt die Fakultät mit viel Marmor, internationaler Reputation und einem NC von 1,6.
Fest entschlossen, meine Karriere ganz der VWL zu widmen, um später bei einer großen Unternehmensberatung einsteigen zu können, lauschte ich also aufmerksam den Ausführungen – und wurde mehr oder minder bitterlich enttäuscht. Natürlich hat die heutige VWL nichts mehr, aber auch rein gar nichts mehr, mit der verbalen Ideenformulierung vor 50 Jahren gemein. Die Freiburger Schule hat anscheinend ausgedient – und VWL als potentielles Studienfach für mich damit auch.
Ja, man könnte beinahe sagen, ich bin regelrecht devastated gewesen. Karriere schon abgeschrieben, bevor eigentlich begonnen? Mitnichten. Am Folgetag überkam mich wieder der Optimismus, als ich mich flugs auf den Weg zu Ostdeutschlands größtem naturwissenschaftlichen Cluster aufmachte – dem Wissenschaftsstandort Adlershof. Die HU Berlin hat ihre gesamten naturwissenschaftlich angehauchten Fakultäten auf ein Feld in der Berliner Vorstadt umziehen lassen und damit gleich unzählige private Forschungsunternehmen angezogen.
In einem “Back to the roots”-Anfall kam ich gerade noch rechtzeitig zur Vorlesung im Geografie-Bereich und bekam genau das serviert, was ich erwartet habe: Von Soziogeografie über Wirtschaftsgeografie bis hin zu ein bisschen in der Erde buddeln war alles dabei. Nichts, was ich in meiner langjährigen WPU-/Profil-/Leistungskurserfahrung nicht souverän absolviert hätte. Bis dato hatte ich ein Geografiestudium vehement verschmäht. Vermeintlich schlechte Berufsaussichten und drei Jahre Bachelor in einem Fach, in dem ich mich vergleichsweise selbstsicher bewegen kann – für mich klang das wenig prickelnd.
Diese Einstellung hat sich nun offensichtlich geändert. Ein klug gewähltes sowie kombiniertes Geografietstudium bedeutet heute keineswegs keine ansehnliche Karriere. Die Spezialisierung spielt hier wesentlich mehr eine Rolle als in anderen Studiengängen. Wer zuerst zwei Jahre im Boden buddelt und dann feststellt, das er in der Humangeografie besser aufgehoben wäre, dem sei vom Studium wahrscheinlich abzuraten. Dass dieser Rat von nicht allzu vielen ignoriert wird, belegt die durchschnittliche Studiumsdauer von über 11 Semestern – ein ziemlich starkes Stück.
Mein Plan indes ist jetzt klarer als je zuvor: Ein vernünftiges Geografiestudium mit starkem humangeografischen Einschlag und einen abrundenden Wirtschaftsgeografie-Master sollten eine solide akademische Grundlage bilden.
Seitdem sprühe ich zumindest innerlich vor Energie. Letztes Jahr habe ich stetig von Prinzipien und Zielen im Leben geredet, ohne wirklich konkrete Ziele vor Augen zu haben. Mit diesem abstrakten Geschwafel ist es nun vorbei – mein Studentenleben kann kommen. Vor diesem Hintergrund ist von mir auch fast jede Panik gegenüber dem Abitur abgefallen. NC Geografie bei 1,8 – das ist nun wirklich kein Problem. Mit so viel Motivation konnte ich sogar meine mit Abstand schwächsten Fächer Mathematik und Chemie in den sicheren 2er-Bereich hieven. Selbst meine in den letzten Monaten so häufigen Stimmungsschwankungen haben sich erstaunlich beruhigt. Natürlich stört es mich immer noch, dass ich nicht wie viele andere an unserer Schule ganz romantisch den Valentinstag begehen kann, aber ich werde es überleben. Mit 18 kann man eben noch nicht ganz am Ziel angekommen sein.
Mit der Leitlinie “Find yourself a decent boyfriend” wäre ich im Moment wahrscheinlich ganz gut bedient, aber wirklich unter Druck setzen möchte ich mich in dieser Hinsicht auch nicht. Denn ganz ehrlich, who cares? Ich bin nicht der, der gesellschaftskonform alle möglichen Erwartungshaltungen abarbeitet und sich dann mit 30 eine kleine niedliche Familie aufbaut und trotzdem noch unzufrieden ist. Damit schließe ich dann am besten den Bogen für heute – denn im Moment bin ich mit Starbucks, Kultur und Shoppen sicherlich am besten aufgehoben.
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