Sozialer Aufstieg! Aber zu welchem Preis?

Voller Überraschung bin ich gestern auf einen sehr lesenswerten Essay in der Zeit gestoßen. Habe ich mir vor einigen Tagen noch den Kopf über schlechte Sozialisation und das Arbeitermilieu zerbrochen, so beruhigte Frau Kohlenberg zumindest meinen kleinbürgerlichen Hintergrund, in dem sie schrieb, dass die sogenannte “Abstiegsangst” breite Schichten des deutschen Bürgertums erfasst hat und teilweise durchaus angebracht ist – im großen und ganzen der Wohlstand aber weiterhin unter dem Bildungs- und Besitzbürgertum aufgeteilt werden.

Während ich also Ewigkeiten über Armut und schlechte Bildung lamentiert habe, verfasste Frau Kohlenberg ihre Erkenntnisse bereits vor knapp drei Jahren, allerdings mit 15 gedruckten Seiten nur unwesentlich kürzer. Ich konnte sehr viele meiner Denk- und Verhaltensweisen in dem Artikel wiederfinden, obwohl – und gerade da lag für mich offenbar der Knackpunkt – ich nicht zu der angesprochenen Schicht gehöre. An geeigneter Stelle erwähnte ich des öfteren recht ausführlich, dass meine Familie weder über besondere Bildungskarrieren noch über außergewöhnliche Besitztümer verfügt. Als ehemalige DDR-Bürger stehen meine Eltern für das klassische Arbeitermilieu, dass in der DDR besonders stark ausgeprägt war,da die nicht linientreuen Eliten folgerichtig in den Westblock emigrierten, so lange dies noch möglich war.

Meine Sorgen richten sich außerdem nicht an meine Bildungskarriere an sich, sondern vielmehr an dem mangelnden bildungsbürgerlichen Hintergrund, den Frau Kohlenberg als einen Schlüssel zur Elite herausstellt. Man hat mir weder Fontane noch Thomas Mann in die Wiege gelegt und Andrew Lloyd Webber gehört ebenso wenig zum Kulturrepertoire meiner Eltern wie Verdi. Mir ist es bis vor kurzem nicht nennenswert aufgefallen, dass ein zentraler Beweggrund meines Handelns das Aneignen bürgerlicher Konventionen war. So war ich nie ein großer Fan des Deutschunterrichts – dennoch habe ich in diesem Fach Profil- wie Leistungskurse belegt. Auf der einen Seite lernt man wichtige Arbeitstechniken und Fachtermini, mit denen ich  in der Zukunft wahrscheinlich keinen Blumentopf gewinnen werde, auf der anderen Seite liest man selbstverständlich wichtige Werke, die zum allgemeinen Grundschatzdeutscher Literatur gezählt werden, die ich aber ohne kaum gelesen hätte – Goethe, Schiller, Brecht, Borchert, Hauptmann, Fontane, Lessing – die Reihe ist lang.

Manchmal kriege ich beinahe ein schlechtes Gewissen, wenn ich ausführlich darüber nachdenke. Wenn ich als Wohnort etwa Biesdorf angebe, obwohl unser Einfamilienhaus streng geographisch noch einige hundert Meter in Marzahn steht. Wenn ich im Focus oder dem Spiegel in die aktuelle Politik und Wirtschaft abtauche und dabei von Frankfurter Wolkenkratzern träume. Oder eben wenn ich mir extra Gesellschaftsromane jeglicher Couleur kaufe, um meinen “bildungsbürgerlichen Hintergrund” zu stärken. Bei mir stapelt sich mittlerweile Fachliteratur zu den Volkswirtschaften und zur Wirtschaftsgeografie – ich lese vieles in der Tat mit aufrichtigem und integrem Interesse, doch unterschwellig ist es für mich eine Absicherung, auch wirklich alles notwendige getan zu haben, um später im Bildungs- und Besitzbürgertum, der oberen Gesellschaftsschicht des Landes, anzukommen.

Mein Vater wollte eigentlich KFZ-Mechaniker werden. Wie ursprünglich vermutlich die Hälfte aller männlichen DDR-Schulabgänger. Wegen fehlender Ausbildungsplätze wurde es für ihn letztendlich Elektrotechnik. Das ist nicht unbedingt das gleiche Metier und verdeutlicht vielmehr den Umstand, dass Karriereplanung und sozialer Aufstieg zum Beginn der 80er-Jahre in der DDR für viele Fremdwörter waren. Weiterführende Bildung hielten er und seine Kumpels damals, so erläuterte er die Situation mehrmals anschaulich, schlichtweg für “schwul”. Als etwas, das nicht als erstrebenswert galt. In Anbetracht der Tatsache, dass ich weder Bildung noch Homosexualität verachte, um es anschaulich auszudrücken, fühle ich mich tatsächlich etwas Fehl am Platz. Mein Vater hat später auch keinen Hehl daraus gemacht, warum ich denn nicht auf dem Bolzplatz Fußball spiele, sondern schon wieder Bücher lesen müsse. Das ich handwerklich zudem hochgradig untalentiert bin, hat seiner Vorstellung von Kindern dann wahrscheinlich den letzten Stoß versetzt.

Ja, ich teile mit meinen Eltern zum Beispiel die Auffassung, dass Qualität wichtig ist. Das war es dann aber auch mit den grundlegenden Schnittmengen. Sie verharren stattdessen in typisch unambitionierten kleinbürgerlichen Verhaltensweisen, loben Landausflüge in die Mark Brandenburg mit dem Motorrad und haben sich ihren kleinen sozialen Aufstieg aus der Platte hin in eine gut situierte Berliner Vorstadtgegend erfüllt. “Schichtendenken” bzw. eine Identifizierung mit dem Bürgertum haben sie nie vollzogen. Mein Vater kann heute noch nicht die Wörter  ”Mittelschicht” oder “Unterschicht” emotionslos aussprechen, da es für ihn keine Schichten gibt. Er verharrt in der sozialistischen Ideologie, in der allen Menschen der gleiche Wohlstand gebührt. Sie bezeichnen sich einfach als keine Schicht, weil wir wie ein ganzes Milieu von ostdeutschen Bürgern zu den Wende-Gewinnern gehören. Die östlichen Vororte der Hauptstadt sind nach der Wende regelrecht explodiert: Neuenhagen und Straußberg sind zu beachtlichen Mittelstädten herangewachsen, ebenso viele Städte im näheren Brandenburger Umland.

Meine Eltern verdienten wie die Mehrheit der DDR-Bürger schlecht,wohnten in den 80er-Jahren in nicht sanierten Altbauten im Friedrichshain und zogen kurz nach der Wende nach Hellersdorf in die Platte. Doch die DDR war vorbei und so waren es ihre alten Arbeitsplätze. Sie erhielten gut dotierte Arbeitsplätze in Staatskonzernen, unbefristet, die sie noch heute halten und die sie nach oben gezogen haben. Ich kenne mittlerweile kaum noch Leute aus den Plattenbauten. In dem Arbeitermilieu, in dem fast alle DDR-Bürger verwurzelt waren, leben viele nicht mehr. Bevölkerungsforscher nennen sie die “Postmateriellen”. Ihnen geht es gut, aber wie meine Eltern streiten sie jegliche materialistische Einstellung ab.

Diese Entwicklung führte bei mir im Fallbeispiel dazu, dass ich Einwohner der Plattenbauten mittlerweile mit Antipathie begegne. Ich will die vergleichsweise günstige Ausgangsposition, die mir meine Eltern bieten können, nutzen, um endgültig zu den “Arrivierten” zu gehören, den Gutverdienern dieser Republik. Im “Großstadttrubel” ging es deswegen in den letzten Monaten nicht mehr um das hemmungslose Konsumieren in der Berliner Innenstadt, sondern vielmehr den Spagat zwischen den Schichten und Einstellungen. Ich will die kleinbürgerlichen Verhaltensweisen meiner Eltern nicht verteufeln, aber zum sozialen Aufstieg sind vielmehr bürgerliche Sichtweisen notwendig. Schichten, in denen der Umgang mit Kunst, Literatur und Kultur zum Alltag gehört, eine fest etablierte Diskussionskultur existiert und ein kritisches Problembewusstsein erwünscht ist. Gerade für meinen Vater spielten diese Faktoren nie eine Hauptrolle, ja er hat sie bewusst nicht praktiziert, weil er keinen guten Diskussionspartizipanten darstellt.

Zusammenfassend habe ich mich deshalb für die Überschrift “Sozialer Aufstieg! Aber zu welchem Preis?” entschieden. Ich will in zwanzig Jahren nicht in einem schicken FrankfurterEinzelbüro mit fettem Gehalt landen, dabei aber in spießigen und verkrusteten Verhaltensmuster verfallen sein, die man heute als “versnobt” denunziert. Betrachtet man die Sinus Milieus, so gefallen mir vor allem die modernen Performer. Auf sie projiziere ich die Vorstellung von einem hektischen Karriereleben in zukunftsfähigen Berufen mit Forschungseinschlag und ein Privatleben, dass nicht mit dem Ja-Wort zum 25. Geburtstag seinen Höhepunkt erreicht hat. Ein Leben, wie es Berlin Mitte seit geraumer Zeit zu verkaufen versucht: Mit MacBooks, Latte Macchiato und neuen Bürokomplexen, hinzu aufregende Events und hippes Aufbruchsflair. Während letztes vor allem durch diverse negative Schlagzeilen aus der Wirtschaft mittlerweile fast erloschen ist und auch die Gehälter noch nicht jene Größenordnung erreicht haben, um zur oberen Mittelschicht zu gehören – ich bleibe der Stadt und dem Großstadttrubel zumindest noch für meine Studienzeit weiterhin treu.

4 Antworten zu Sozialer Aufstieg! Aber zu welchem Preis?

  1. Ich finde es bemerkenswert und äußerst wichtig, dass du so reflektiert über deine eigene Situation/Stellung in der Gesellschaft diskutieren kannst. Ich halte es allerdings für problematisch und etwas egoistisch, wenn man sturr und starr in den angesprochenen “sozialen Schichten” denkt, und sich zwanghaft einen Aufstieg darin vorschreibt.
    Meiner Ansicht nach, ist es wesentlich bedeutender persönliches Glück zu entwickeln. Die VWL versucht dieses Wohlbefinden über Präferenzen und Nutzen zu beschreiben, was in meinen Augen allerdings nicht ausreicht. Jedem Menschen stellt sich Glück in anderer Form dar. Deinen Eltern beispielsweise in ihrer aktuellen Lebensweise. Für sie ist es einfach nicht wichtig als hochtrabend intellektuell zu gelten. Wenn es allerdings dein Wunsch ist – dann soll es so sein. Akzeptanz und Toleranz ist in einer Gesellschaft äußerst wichtig. Wenn jeder so denken würde wie du, wärs doch langweilig und man selbst könnte sich nicht absetzen bzw. individualisieren.
    Solange du dein Ziel vor Augen hast, jenes Leben welches du leben möchtest und darin investierst, wirst du es auch erreichen, egal welchen kulturellen/sozialen Hintergrund du besitzt.
    Und mal ehrlich, wenn dich jemand nicht einstellt, weil du nicht auf einer Privatschule warst – kann dieser Jemand auch wahrlich nicht deiner Einstellung bzw. deinem Niveau entsprechen ;) Viele Grüße

  2. Danke erst einmal für den umfangreichen Kommentar. Ich habe eigentlich schon vor Monaten geglaubt, ich blogge hier nur für mich. ;)

    Wenn ich mir das Geschriebene im Nachhinein durchlese, spüre ich deutlich, dass ich mich schnell in Dinge hereinsteigere. Dadurch hole ich dann immer zum großen Rundum-Schlag aus und bleibe mitunter sicher nicht immer auf rationaler Ebene.

    Ich kann bzw. müsste dir größtenteils recht geben. Natürlich kann nicht jeder in der Elite enden, geschweige denn solche Ambitionen hegen.

    Wenn man unter Individualisieren Einfamilienhaus, Ehe mit 25, zwei Kinder und viel Routine versteht, dann kann ich darauf auch verzichten. ;)

    Nein, ganz im Ernst, mit etwas Abstand betrachtet ist es wahrscheinlich am günstigsten, die Balance zwischen übersteigertem Ehrgeiz und den eigenen wahren Interessen zu finden. Auch wenn ich mich manchmal dabei ertappe, mal wieder einen abfälligen Kommentar zu geben, wenn meine Eltern schon wieder bei Lidl und nicht bei Edeka waren. ;)

  3. Ein sehr interessanter Beitrag. Ich habe gerade in meinem Unterricht das Thema soziale Ungleichheit und in diesem Zusammenhang verschiedene gesellschaftliche Modelle angebracht. Ich werde das Thema um einen weiteren Aspekt erweitern, was ist für mich Glück, bzw. ein glückliches Leben. Häufig ist es ja so, dass wir auf keinen Fall das Leben unserer Eltern wollen. Dies ist es doch, worauf das Leben abzielt, und diese Zufriedenheit zu finden, ist nicht einfach. Sozialisiert von der Gesellschaft, hat jede Generation seine Eigenheiten, Wünsche und Ziele….so ist es vielleicht sympthomatisch, dass viele nachfolgende GEnerationen genau das GEgenteil von dem ihrer Eltern wollen? Zu kleibürgerlich, zu laissez faire, zu streng, zu materialistisch…..

    leider habe ich keine Zeit, dies hier weiter auszuführen…herzlichen Dank noch einmal für deine Gedanken :)

  4. Huch, ich bin ja angenehm angetan von so regem Interesse. :)

    Tatsächlich ist es vermutlich eine Rebellion gegenüber meinen Eltern, nur auf subtile Weise. Ich könnte schwören, dass es auch dazu einen Artikel in der Zeit gibt. ;)

    Glück bzw. Selbsterfüllung werte ich hoch. Natürlich ist das der blanke Idealismus, der von vielen Konservativen verteufelt wird, aber das würde vermutlich nur in ideologischen Grabenkämpfen ausarten, deswegen belasse ich es mal dabei.

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