Eigentlich hatte ich letzte Woche vor, einen kurzen Situationsabriss unter dem Titel “Turning Point” zu veröffentlichen. Wegen fehlender Schwerpunktsetzung ließ ich den Artikel einige Tage im Archiv warten und habe mich erst jetzt wieder damit beschäftigt – nur um festzustellen, dass die Zeit von zwei Wochen den gesamten Artikel merkwürdig angestaubt erscheinen lässt.
Von daher gibt’s jetzt also alles brand new und das im doppelten Sinne: Ja, ich habe gestern meine Abiturnoten erfahren und mit 1,8 genauso abgeschnitten, wie es mein Plan war. Glatte 15 Punkte hagelte es für die fünfstündige Geografie-Klausur, eine kleine Glanzleistung, die mir auch am Tag darauf ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Damit öffnen sich alle Türen, die mir wichtig sind.
Welche Türen dies allerdings sind, ist die Frage. Ende Juni, mit dem besten Berliner Sommerwetter im Rücken, kann ich nun bestimmt sagen: Nicht die, die ich Anfang des Jahres angestrebt habe. Das hat weniger mit einer thematischen Neuausrichtung, als vielmehr mit einer sich wandelnden Lebenseinstellung zu tun.
Ich hatte einen Plan. In der Tat hatte ich viele Pläne. Genauer gesagt hatte ich für alles Pläne. Pläne über Pläne – in den letzten Monaten habe ich mich von vermeintlich erfolgsversprechenden Plänen leiten lassen, die eine Quintessenz aus Karriereratgebern und Lifestyle-Ratgebern darstellten und so viel mit meiner Realität zu tun hatten wie ich mit der Unterschicht. Ich war der festen Überzeugung, dass ich alles richtig mache. Das treibende Streben nach Hochglanz, Erfolg und Status bildete eine wunderbare Seifenblase, die auf den ersten Blick nach einer festen Basis aussah.
Darin habe ich mich, dass muss ich ehrlicherweise zugestehen, bitter getäuscht. In meiner gesamten Fokussierung auf den gutbürgerlichen Kanon habe ich mich verrannt, bin irgendwo im Hochglanz verschollen und habe meinen Charakter hinter Designerklamotten versteckt – oder besser gesagt mein Ich in das starrste aller Schemen gepresst, dass der gesellschaftlichen Konvention. Ich wollte es allen Recht machen. Ich wollte meine Aufsteiger-Story aus dem Ghetto Marzahn-Hellersdorf weiterschreiben. Ich ließ für meine gebleichten Zähne einige Freundschaften links liegen, isolierte mich von vielen, um mich auf mich selbst zu konzentrieren und damit vermeintliche Stärke zu gewinnen.
Heute frage ich, mit wie vielen Ray-Ban-Sonnenbrillen über den Augen ich die Welt gesehen habe. Verzogener als ein Millionärssprößling, arroganter als ein Banker und oberflächlicher als die It-Crowd. Nein, ich bin zu keiner Mutter Theresa mutiert und bin nicht in Jogginghosen zurück in die Gosse gestiegen. Aber kurz vor der letzten Familienfeier habe ich mir die unzähligen Ketten, Armreifen, Hemden und Sonnenbrillen vom Leib gerissen, das Haarwachs rausgespült und mir ein schlichtes schwarz-weiß gestreiftes Polo-Shirt übergezogen. In diesem Moment stand ich vor den gefühlten Scherben meiner vereinsamten Oberflächlichkeit. Ich konnte förmlich spüren, wie der Stress, die Anspannung und der Druck von mir abfielen. Ich habe die Karriereratgeber weg geworfen, meine auf Zettel gedruckten Zitate aus “Lipstick Jungle” und “Ugly Betty” von der Wand gerissen und innerlich gewusst, dass ich mich geändert habe. Es brauchte vielleicht die Zuspitzung, den Druck kurz vor der Verkündung der Abiturnoten.
Ich bin auf der Suche nach einer neuen Lebenseinstellung. Ich predigte Selbstverwirklichung und tat letztlich doch nur das, was Karriereratgeber mir rieten. Ich spielte in Gedanken in der Upper-Class-Welt von New York City mit, wenn Candace Bushnell über das luxuriöse Leben in “One Fifth Avenue” berichtet hat. Ich wollte Hochglanz, Drama – und bekam auch alls das, doch daneben zudem Verzweiflung, Enttäuschung und Einsamkeit. Und ich war dennoch für lange Zeit felsenfest davon überzeugt, alles richtig zu machen. Wie ich schon immer alles richtig machen wollte und nach Fehlern einfach nach vorne gesprintet bin, immer weiter und schneller, um sich nicht mit dem eigenen Leben beschäftigen zu müssen. Ich wollte nicht die ganz normale, durchschnittliche Person sein, die aus Marzahn-Hellersdorf kommt. Ich wollte aus Zehlendorf kommen, mit reichen Akademiker-Eltern, pendelnd im Jetset.
Was für ein Selbstbetrug. Ja, ich will Karriere machen. Aber keine vorgegebene, aalglatte BWL-Karriere. Ich will auch keine VWL mehr studieren. Zum Schluss vielleicht noch nicht mal Geografie. Ich will erfolgreich sein in den Fachgebieten, die mir Spass machen. Warum sollte ich Geschäftsabschlüsse bearbeiten, wenn ich in Wirklichkeit lieber Immobilien entwickle? Pressemeldungen verfassen und Standortanalysen durchführen will und Städte als Stadtplaner gestalten möchte? Ich habe diesen Traum vom Job, des Projektentwicklers, nie an mich heran gelassen. Ich wusste bis vor zwei Wochen noch nicht einmal, dass er existiert. Zu wenig Kohle, zu wenig Reputation – und weg, bestens verstaut in einer Kiste tief in meinem Inneren.
In den letzten zwei Wochen habe ich es, zuerst unterschwellig, spätestens ab heute offensichtlich, gewagt, diese Kiste langsam zu öffnen. Die Kiste, mit der ich nicht die dicken Porsches und Luxuswohnungen assoziiert habe. Die aber dennoch dahin führen kann – nur in der beschränkten Vorstellungswelt meiner Wenigkeit nicht. Nein, ich will Projektentwickler werden.
Und letztlich ist auch das nur eine Facette von vielen. Am Ende des Tages mag ich mit meiner Karriere dastehen, aber doch sind meine Hände leer. Auch heute, wo ich die 1,8 auf meinem Abizettel sehe, führe ich mich merkwürdig leer. Ja, ich freue mich. Ich habe hart dafür gearbeitet. Aber letztlich ersetzen mir die 1,8 nicht mein Leben.
Ich schrieb unzählige Male, dass ich ein aufregendes Leben in Berlin-Mitte führen will, Sachen tun, die mir Spass machen und mich spontan auf neue Möglichkeiten einlassen möchte. Verdammt, ich brauche keine Pläne mehr. Ich brauche keine mehr von Karriereratgebern vorgefertigten Denk- und Verhaltensmuster. Ich brauche mich selbst. Und meinen neuen Freund P, der als Katalysator für diese neue Entwicklung den Anstoß gegeben hat.
Sehr schön gschrieben. Ja, nach dem Abi zieht jeder sein sein erstes Resümee. Wenn es dann zu einer solcher Klarheit führt, dann kanns ja jetzt nur in die richtige Richtung gehen. ^^
Gratulation zum Abi!
Dankeschön .
An der kompletten Klarheit arbeite ich im Moment zwar noch, aber ein Anfang ist gemacht. Der Sommer kann kommen, würde ich dann mal sagen.
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